Kultusministerium

Bei der Recherche zu Themen, die einem am Herzen liegen, muss man manchmal leise in der Nacht in sein Kissen weinen.

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, die aktuellen „Kriterien zur Begutachtung von Lernmitteln“ (Stand: Mai 2016) mit der Fassung vom November 2010 zu vergleichen. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Wort „digital“ und seine Verwandten so selten vorkommen, dass man sich noch im vorigen Jahrhundert wähnt.

Hier die beiden Dokumente als lokaler Download:

Auch bei der Gegenüberstellung von verwendeten Worten, die die Lernmittel umschreiben sollen, werden diese Gutachter-Kriterien den Schulbuchverlagen kaum aufstoßen, denn es steht 40 zu 12 für die Analogen:

  • „… digital …“ 5 mal
  • „… internet …“ 5 mal
  • „… software …“ 2 mal

 

  • „… buch …“ 18 mal
  • „… bücher …“ 13 mal
  • „… druck …“ 9 mal

 

Los geht es in Punkt „2.2.3“:

„Digitale Schulbücher müssen so beschaffen sein, dass ihr Inhalt durch den Nutzer nicht verändert werden kann.“

Warum sollten die digitalen Möglichkeiten auch ausgeschöpft werden?

Dazu kommt noch ein Verbot von Internetadressen in Punkt „2.3 Formale Vorgaben“:

„Im Lernmittel dürfen keine Internetadressen (weder im Fließtext noch in den Übungsaufgaben) enthalten sein. Ausgenommen sind Internetadressen staatlicher Institutionen, wie z. B. www.bundesbank.de, www.bayern.landtag.de, www.statistisches.bundesamt.de etc., von denen nicht zu erwarten ist, dass sie sich in kurzen Zeitabständen ändern. Sofern Internetadressen Unterrichtsgegenstand sind (z. B. im Fach Informatik), dürfen sie außerdem in sachgerechter und die Bestimmungen des Werbeverbots einhaltender Form (vgl. Nr. 2.5) in vertretbarem Umfang verwendet werden.“

Besonders schön liest sich im Jahre 2016 der Satzanfang:

„Sofern Internetadressen Unterrichtsgegenstand sind (z. B. im Fach Informatik) …“

Ansonsten wurden auch in der neuen Fassung vom Mai 2016 vorsichtshalber Worte vermieden, die eine Atmosphäre von „digital“ verbreiten. Deswegen finde ich die letzte Aufzählung in Punkt „2.3 Formale Vorgaben“ auch besonders inspirierend:

„Die Nutzung digitaler Erzeugnisse muss unabhängig von der Wahl des Endgerätes (z. B. PC, Mac, Tablet) und des Betriebssystems (z. B. Windows, iOS, Android) möglich sein.“

Aber schon im Punkt „2.4.6 Medienpädagogik“ (Fassung vom  November 2010) wird es wieder „interessant“.  Der lautet in der Fassung vom Mai 2016 nun „2.4.7 Medienbildung“. „Multimedia“ wird zu „digitalte Medien“ und diese sollen, man lese und staune“, „gleichermaßen berücksichtigt“ werden.

Leider wird dieser positive Ausrutscher sofort wieder schlecht gemacht durch eine Streichung im selben Punkt. Hieß es in der alten Fassung am Ende noch stimmungserhellend: „Neue Medien zur Schaffung von „Lernumgebungen“ (z. B. Materialiensammlungen auf CD-ROM, Visualisierungen oder interaktive Simulation) sollten einbezogen werden, fehlt dieser Satz in der Fassung vom Mai 2016 komplett.

Gut, dass es noch einen softwarespezifischen Punkt in beiden Fassungen gibt: „2.4.12 Softwarespezifische Lernmittel“

2.4.12 Softwarespezifische Lernmittel

In Fächern wie „Informatik“, „Informationstechnologie“ oder „Informationsverarbeitung“ können softwarespezifische Lernmittel auch als Schulbuch und damit lernmittelfrei zugelassen werden, sofern sie die formalen und inhaltlichen Anforderungen an ein Schulbuch (vgl. § 1 der ZLV) erfüllen.

Software soll also die „formalen“ Anforderungen von Druckerzeugnissen erfüllen …

Wer sich noch ein wenig mehr einlesen will:

Georg Stöber:
Schulbuchzulassung in Deutschland„:
Grundlagen, Verfahrensweisen und Diskussionen

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